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Die Tadler Mühle

Wenn man an der grossen Nationalstrasse Ettelbruck-Bastogne in Heiderscheid nach rechts abbiegt, erreicht man nach 4 km Fahrt das Dörfchen Tadler, das an einem abschüssigen Hang südlich des Obersauertales liegt. Von hier gelangt man nach einer Wegstrecke von nur einem Kilometer ins "Pfaffental" (Pafendall), ein schmales, tiefes Bachtal, in dem sich die Tadler Mühle befand. Es ist anzunehmen, dass der Name Pfaffental von einem Kloster herrührt, dem die Grundgüter in diesem Tal gehörten. Wahrscheinlich handelte es sich um die Abtei St. Maximin in Trier, die auf Luxemburger Gebiet zahlreiche Besitzungen hatte. Die Mühle wurde von dem Tadlerbach getrieben.

Die Mühle im Kataster der Kaiserin Maria-Theresia 1766

Wann die Tadler Mühle gegründet wurde, wissen wir noch nicht. Doch gibt es aus dem Jahre 1766 zwei Katasterdeklarationen des Mathias EILEIDEN, der als Müller auf der Tadler Mühle bezeichnet wird, die in der Herrschafft Esch auff der sauren” liegt.
Der Müller Mathias EILEIDEN ist “wohnhafft auff der Thateler müllen in gedachter herrschafft”.
Ihm gehörte:

1. “Einfeld, thut ein halbes morgen, traget Koren lentzfruchten, ruhet das dritte Jahr”. Er zahlt “den zehn zur zehnter garb”.
2. “Ein driesch, thut 152 creutzruthen, wird in 20 jahren geackert”.
3. “Drey gärten, thun zusamen 57 creutzruthen”.
4. “Zwei wiesen, thun zusamen 1 morgen 35 creutzruthen, ertragen ahn heu
1 tausen Eschergewicht”.
5. “Ahn eichen hecken 3 thun zusamen 3 1/2 morgen, werden in 20 jahren geschliesen und besehet, wilde hecken 2 morgen werden in 18 jahren gehauhen und mit korn besehet”.
6. “Ein weyer so zum müllen lauff dienet ahn der gröse 17 creutzruthen, ist in dem muhlentax”.
7. “Gemeinschafftlich mit denen inwohneren des dorffs thateler ubertrief auff heiderscheit, Goesdorff, bocholtz, ringel”.
8. “Ein wohnhauss, Scheur und sonst bedürftige stallungen, unter Theteler gelegen. Ein mahlmullen mit einem lauff, daran gelegen. Zu obserwiren, das die mahlmullen mit keinen gebänten versehen ist und das das halbscheit des Jahrs das waser derselben abgehet”.

Der Tadlerbach

Unweit der Höhenstrasse Heiderscheid-Kehmen-Bourscheid entspringt in “Gloetter” auf einer Höhe von 465 m ü. d. M. ein Bach, der “Aleschbaach” oder “Todlerbaach” genannt wird. Auf seinem Lauf, den steilen Taleinschnitt hinunter, nimmt er noch das Wasser einer Quelle im “Bierbesch” und von zwei seitlichen Rinnsalen in den Waldabhängen “Freinbierg” und “Roudewäldchen” auf. Nur zwei Kilometer weit plät-schert das Bächlein, trieb dann kurz vor seiner Mündung die Tadler Mühle und ergiesst sich auf einer Höhe von 254 min die Sauer.

Auf der kurzen Strecke von 2 km ist das Wasser um 211 m gefallen, was ein ausser-gewöhnliches Durchschnittsgefälle von 10,55 m pro 100 m ausmacht.

Wohl war dieses Gefälle geeignet, mittels eines oberschlächtigen Wasserrades mit wenig Wasser eine grosse Kraft zu erzielen, aber in den Sommermonaten ist das Bächlein so wasserarm, dass es nicht in der Lage war, die Mühle zu treiben. Deshalb hatte man oberhalb der Mühle einen grossen Weiher angelegt, in dem man nachts das Wasser sammeln konnte, um tagsüber einige Stunden mahlen zu können.

In der zweiten Deklaration wird “eine wiess” angegeben, “ertraget ein Jahr ins andere ahn Heu ein tausent”. Er gibt davon den Zehnten ab.
Ueber die angegebenen Flächenbezeichnungen ist zu bemerken, dass ein Morgen aus 160 Ruthen und eine Ruthe aus 16 Fuss besteht. Alle Masse verstehen sich als Flächenmasse oder “im Geviert”. Ein Morgen war 35,68 Ar, eine Ruthe hatte 22,30 qm, ein Fuss (im Geviert) mass 1,39 qm. Berechnet man die Gesamtfläche der angegebenen Ländereien, so ergeben sich 2 ha 58 a 59 qm. Bedenkt man, dass der grösste Teil davon unfruchtbar war und einen armseligen Ertrag lieferte, so war der Besitz und das Einkommen “zu wenig zum Leben und zuviel zum Sterben”.
Als Kapitalwert schätzten die Taxatoren das Ganze mit rund 124 Talern, deren Nettoertrag mit 4 Talern, 7 Schilling und 5 Sols rund 23 Goldfranken ausmachte. Für die Summe erhielt man etwa 3 – 4 Fuder Heu.
Es ist anzunehmen, dass der Mahllohn aus der Mühle den Inhaber einigermassen “über Wasser halten” musste. 

Ein aufschlussreicher Heiratsakt

Am 6. November 1809 wurde durch Bügermeister Jean VINANDY in Heiderscheid eine Heirat vorgenommen. Der Bräutigam war Jean-Pierre LOESCH, geboren in Tadler am 27. Dezember 1786, Sohn des verstorbenen Henri LOESCH und der Marguerite SCHROEDER, Ackersleute in Tadler. Henri LOESCH, Sohn von Philippe LOESCH und Anna-Margareta CORNET, war aus Niederfeulen gekommen und hatte 1781 Anne-Marguerite SCHROEDER, Tochter von Nikolaus SCHROEDER und Anne-Marguerite SCHAACK aus Tadler geheiratet, um dort zu bleiben. Die Eheleute LOESCH-SCHROEDER sind auch die Stammeltern des früheren Hofmarschalls Alfred LOESCH (1902-1982).
Die Braut war die Müllerstochter Catherine SCHMIT aus der Tadler Mühle. Sie kam am 25. Dezember 1775 in Tadler als Tochter von Jean SCHMIT und Elisabeth GLOESENER zur Welt. Woher die beiden stammten, konnte noch nicht gefunden werden. Sie hatten die Tadler Mühle nach 1766 übernommen. Der Müller starb vor 1809. Seine Frau führte den Mühlenbetrieb weiter. Die Tochter Catherine arbeitete als Dienstmagd in Niederwampach.

Als Zeugen unterschrieben den Heiratsakt Gaspard RASSEL und Stephan THILMANY aus Ringel, Thomas SCHROEDER aus Tadler sowie Jean PONCIN, Vikar in Heiderscheid.
Mit dieser Hochzeit wurde eine Familie gegrundet  deren Nachkommen in direkter Linie bis heute mit acht Generationen den Hof der einstigen Tadler Mühle belebt haben.

Die Mühle im Kataster von 1824

Ein konkreter Beweis für die Existenz der Tadler Mühle sind die Urpläne sowie die Matrikeln des Katasters von 1824. In den Matrikeln, dem sogenannten Grundbuch, ist die Tadler Mühle unter der Sektion A Nr. 3 der Heiderscheider Gemeinde mit dem Namen des Besitzers Jean-Pierre LOESCH eingetragen. Als Beruf wird “meunier” genannt. Die Gegend oder der Flurname ist als “Pfaffental” bezeichnet. In späteren Jahren wurde der Name Jean-Pierre LOESCH gestrichen und der neue Besitzer “Jean LOESCH’ darüber geschrieben. Das fand in den Jahren zwischen 1824 und 1842 statt.

Aus dem Katasterplan 1824 ist ersichtlich, dass das Mühlengebäude ungefähr 21 m lang und etwas mehr als 6 m breit war. Man hatte es in Stall, Wohnhaus und Mühle, welche sich am östlichen Giebel befand, eingeteilt. Die Scheune lag auf der gegenüberliegenden Seite des Weges.

Oberhalb der Mühle war ein ziemlich grosser Weiher angelegt, der wegen der periodischen Wasserarmut des Tadlerbachs notwendig war. Es ist anzunehmen, dass sich das Wasserrad am Giebel der Mühle befand. Es gibt keinen Zeugen und es konnte noch kein Dokument gefunden werden, die uns bezeugen könnten, wie die Mühle aussah und eingerichtet war. Denn, als um 1845 in der Katasterverwaltung neue Grundbücher angelegt wurden, bezeichnete man das Gebäude nicht mehr als Mühle.

Das oberschlächtige Mühlrad hatte wahrscheinlich einen Durchmesser von 4 – 5 Metern. Es befand sich in der Tiefe auf Kellerhöhe und übertrug die Wasserkraft über den Hellbaum und das Kammrad auf den Mühlgang, der sich im Erdgeschoss befand und auf dessen Trimme man das Getreide aufschüttete. Das gemahlene Gut fiel im Keller in die Säcke. Ob sich hier eine Reinigungsmaschine und eine Siebvorrichtung befanden, ist zu bezweifeln. Die Mühle war, wie viele andere in jenen Zeiten, eine primitive Einrichtung, die frühzeitig der Konkurrenz und dem Fortschritt zum Opfer fiel. Um 1850 bis 1860 stellte der Betrieb seine Tätigkeit ein. Wasserrad und Inneneinrichtung rfielen. Bisher hat man kein Spur, nicht einmal von den Mühlsteinen, gefunden. Nur der Name “Tadler Mühle” blieb.

Das Leben geht weiter

Neben dem Mahlbetrieb war die Familie gezwungen, Landwirtschaft und Viehzucht zu betreiben, um leben zu können.

Am 7. Mai 1834 heiratete der Müllerssohn Jean LOESCH, geboren am 5. September 1810, in Heiderscheid Marie-Catherine DUPONG, geboren in Welscheid am 3. Oktober 1812 als Tochter von Cornelius DUPONG und Catherine HENGEN. Trauzeugen waren: Jean-Nicolas MALLIET, Michel SCHAULS, Gaspard REISEN und Henri KELLEN, alle aus Heiderscheid.

Mit der nächsten Generation wechselte der Name. Die weltliche Heirat wurde in der Gemeinde Goesdorf vorgenommen. Am 26. Dezember 1860 heiratete die Müllerstochter Catherine LOESCH, geboren auf der “Tadler Mühlen” am 14. September 1835, Reinard KEISER, der in Schlindermanderscheid am 26. August 1833 geboren wurde als Sohn von Bernard KEISER und Madeleine SCHROEDER. Als Zeugen unterschrieben: Nicolas LOESCH, Peter EVEN und Johann EVEN, alle aus Bockholtz a.d. Sauer sowie Heinrich SCHADECK aus Tadler.

Als diese Hochzeit stattfand, war es mit dem Mühlenbetrieb bereits vorbei. Die Lage war ungünstig gewesen. Mühlenkunden konnte man nur aus Tadler und Ringel erwarten. Dabei waren die Wege schlecht und unbefahrbar. Die meisten Besucher schleppten das Getreide auf ihren Schultern oder auf Esels Rücken herbei. Die Heiderscheider hatten ihre Mühle in Heiderscheidergrund und die Bauern der andern Höhenorte Kehmen und Scheidel wurden in der Bourscheider Mühle oder in Welscheid bedient.
Das Tadler Mühlchen litt oft an Wassermangel und konnte in technischer Hinsicht mit benachbarten Mühlen nicht Schritt halten. Der Mahlbetrieb musste aufgegeben werden.

Während 125 Jahren Keiser-Familie

Wie wir oben gesehen haben, kam durch die Heirat im Jahre 1860 der neue Name “Keiser” auf, der bis zum heutigen Tage bleiben sollte.

Am 14. Oktober 1891 fand die nächste Hochzeit statt. Jean KEISER (Kayser), geboren am 23. September 1862 in Tadler (der Name “Tadler Mühle” wird in den Akten nicht mehr gebraucht), heiratete Marguerite DRAUT, geboren am 6. Januar 1866 als Tochter von Nicolas DRAUT und Barbara MATHIEU (+ 29.9.1888), Ackersleute in Bourscheid. Zeugen waren: Theodore MAILLET, Pierre DEMUTH, Joseph SPELTZ und .Jean WAGENER, alle aus Eschdorf. Diese Eheleute bekamen 8 Kinder mit den Namen Catherine, Jean, Elise, Jean-Pierre, Joseph, Anna, Lucie und Francois, von denen die beiden letzten noch leben. Francois KEISER wurde Geistlicher, war Kaplan in Bissen, Vikar in Beggen, Pfarrer in Wahlhausen und wirkt seit 1955 als Pfarrer in Feulen.

Es wird in Zukunft noch eine Forschungsaufgabe sein, die Kinder der jeweiligen Generationen mit ihren Daten zu notieren. Die Erweiterung dieser Darstellung mit
den betreffenden Angaben würde das geplante Ausmass dieses Aufsatzes überziehen. Für die letzten Familien werden jeweils die Namen der Kinder genannt.

Cornelius gen. Joseph KEISER, geboren am 29. Oktober 1899 in Tadler, heiratete am 18. Mai 1928 in Heiderscheid Christine BOCK, geboren am 3.9.1911 als Tochter von Jean BOCK und Suzanne DOMINICY aus Tadler. Ihre 8 Kinder heissen: Albert, Maria, Camille, Elli, Joseph, Lucie, Margot, Francois, die alle noch am Leben sind.
Albert KEISER, geboren in Tadler am 12. Oktober 1930, heiratete in Heiderscheid am 21. Oktober 1960 Anne-Barbe JOMMES, geboren in Lentzweiler (bei Clerf) am 28. Oktober 1933 als Tochter der Ackersleute Jean JOMMES und Christine FLESCH. Sie übernahmen den Betrieb. Ihre Kinder sind:

1. Christiane KEISER, geb. in Wiltz am 23.7.1961, verh. in Bourscheid am 11. Mai 1985 mit Charles STEICHEN aus Scheidel
2. Amand KEISER, geb. in Wiltz am 12.2.1963, verh. am 14. September 1985 in Heiderscheid mit Sylvia BRAUNE aus Lullingen
3. ·Eliane KEISER, geb. in Tadler am 3. Oktober 1964, verh. in Heiderscheid am 22. September 1984 mit Eugene REDING aus Niederfeulen.

Das junge Ehepaar KEISER-BRAUNE soll den Betrieb weiterführen. Am 26. Dezember 1985 wird der Name KEISER 125 Jahr im Haus bestehen und die ersten Vorfahren wurden vor etwa 200 Jahren dort ansässig.

Die letzten Spuren der Mühle verschwinden

Es ist möglich, dass das Wasserrad der Mühle baufällig war, als zwischen 1850 und 1860 der Betrieb eingestellt wurde. Die Einrichtung zerfiel, Teile davon, unter
anderem die Mühlsteine, wurden wahrscheinlich verkauft. Das Mühlenhaus, das als niedriger Gebäudeteil des Hofes zu erkennen ist, wurde als Abstellraum und schliesslich als Milchkammer benutzt.

Die einzige Erinnerung an die Mühle blieb lange Zeit der Mühlenweiher, der eine Fläche von etwa 5 Ar hatte. Da er nutzlos geworden war, schütteten die Besitzer
ihn grösstenteils zu. Ein Teil davon wurde als Garten vor dem Hause angelegt. Schliesslich war die Weiherfläche um 1935 auf ein Zehntel ihrer ursprünglichen Fläche zusammengeschrumpft.

Da kam Joseph KEISER auf den Gedanken, die Wasserkraft zur Produktion von Leuchtstrom auszunutzen. Unten, am Ufer der Sauer, erbaute er eine Kammer von etwa 4 qm Fläche, in die er eine Peltonturbine von 70-80 cm Durchmesser mit einem Gleichstromdynamo installierte. Zur Turbine führte ein Wasserrohr von 10 cm Durchmesser, das im übriggebliebenen Teil des Weihers das Wasser entnahm. Zur Erhöhung der Druckkraft hatte der Besitzer eine Staumauer von 3 m Höhe erbaut. Die Regulierung der Turbine konnte mittels eines Drahtseils vom Hause aus vorgenommen werden. Auf diese Weise erhielt der Hof zum ersten Mal elektrische Beleuchtung.

ZwanzigJahre später (1955) fand eine Renovierung des Wohnhauses statt und bei dieser Gelegenheit schloss man den Betrieb an das öffentliche Stromnetz an.

Im Jahre 1973 entfernte man den letzten Rest des Mühlenweihers und auf die freie Stelle wurde ein Stall mit einer Scheune erbaut. So verschwand die letzte äussere Spur, die noch an die einstige Mühle hätte erinnern können.

Neues Leben erwacht in der Einsamkeit

Der Ort der Tadler Mühle war eine weltverlorene Gegend, Generationen plagten sich im kleinen Bauernwesen, um ein bescheidenes Dasein, vielleicht sogar, wie der
Bauer KEISER erzählt, “ein Leben in Armut zu führen”.

Aber die Zeiten ändern, glücklicherweise. Der Fortschritt ist unaufhaltsam. Eine bessere, gut befahrbare Strasse wurde gebaut. Eine steinerne Brücke führte
mittlerweile zur andern Seite der Sauer, an dem Ort, wo früher eine Furt bestand.
Die Nachfrage an Landwirtschafts- und Viehzuchtprodukten nahm zu. Der Bauernbetrieb der ehemaligen Tadler Mühle entwickelte sich zu einer Fläche von nahezu 30 ha mit einem Bestand von 50 Stück Rindvieh, wovon 28 Milchkühe.

Der Tourismus nahm einen erheblichen Aufschwung. Die naturhungrigen Stadtmenschen suchten die verlorensten Winkel auf. Das veranlasste Albert KEISER, in einer Wiese am Rande der Sauer im Jahre 1962 einen Campingplatz erster Klasse von einem Hektar Fläche anzulegen. Eine Schwester des Hofbesitzers, die Eheleute Pierre SIEBENALER – Margot KEISER, erbauten in der Nähe ein Haus mit Terrasse, das 1979 als Familienpension mit Cafe und Restaurant eröffnet wurde. Es trägt den Namen “Moulin de Tadler”. Dieser Name ist zu einer letzten Erinnerung an die verschwundene Mühle geworden.


Emile Erpelding
April 1985